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  • AutorenbildValerie Tabea Schult

Platonische Liebe hält ewig

Aktualisiert: 29. März




Es gab mehrere Jahre meines Lebens, in denen ich die Ansammlung von Wissen über die Wahrheit als alles zu erstrebendes Ziel in meinem Leben erkoren hatte. Die Lehre zur Wahrheit, die Liebe zur Weisheit nennt sich Philosophie. Ich war verrückt nach Philosophie. Einer meiner Lieblingsdenker aus meinem Studium war Platon. Ich studierte seine Philosophie auf den vergilbten Blättern einer universitären Einrichtung namens "Bücherturm" oder aus gelben Reclamheftchen. Strukturen, Systeme, Erklärungen - ich liebe den ordnenden Verstand bis heute. So groß war meine Liebe, dass ich mich manchmal als "sapiosexuell" bezeichnete - someone to get turned on by intelligence. Ein Trend unter Akademiker:innen.


Der Mythos des Kugelmenschen


An einem Wintertagen saß ich einmal in der Universitätsbibliothek, zwischen den fahlen Stehlampen und den hohen Bücherregalen und war entzückt, auf einmal in Platons Wälzer auch waschechte Romantik wieder zu finden. Es gibt das Kapitel mit dem Mythos der Kugelmenschen. Eros war in der Antike noch kein verbotenes Thema.


Wie wir alle wissen, hatten Menschen vor Jahrtausenden eine andere Gestalt, schrieb Platon: Sie waren kugelförmig. Jeder Mensch besaß zwei Gesichter, eines vorne und eines hinten. Die rein männlichen Kugelmenschen stammten ursprünglich von der Sonne ab. Die rein weiblichen Kugelmenschen von der Erde. Und es gibt auch noch ein drittes Geschlecht: Die androgynen Kugelmenschen kamen vom Mond. Nicht-binäre Menschen waren also schon in der Antike bekannt.



Aufgrund der enormen Anzahl von acht Gliedmaßen konnten die Kugelmenschen sich ziemlich schnell fortbewegen. Und so schnell, wie sie durch die Welt kugelten, wurden sie den Göttern auch langsam unheimlich. Die Kugelmenschen waren nämlich nicht nur stark, sondern auch glücklich und freundlich. Göttervater Zeus befürchtete, dass die Menschen den Göttern damit zu ähnlich seien und sie nicht mehr angemessen verehrt werden könnten. Zeus traf eine folgenschwere Entscheidung: Alle Menschen auf der Erde wurden mittels eines Blitzes in zwei Hälften zerhauen. Die Zweibeiner waren geboren. Fortan liefen wir Menschen mit zwei Beinen und einem nach vorne gerichteten Gesicht über die Erde. Diese Teilung ist für bis heute folgenreich: Es besteht eine unstillbare Sehnsucht nach der jeweils verloren gegangenen Hälfte. Es ist der Ursprung aller Liebe. Immerhin hatte Zeus etwas Mitleid mit den Menschen - er verlegte auch ihre Geschlechtsteile nach vorne, damit wir uns wenigstens vereinigen können, um Nachkommen zu zeugen und erotischen Genuss zu finden. Die androgynen Menschen suchten fortan einander im homosexuellen Begehren zu verschmelzen, die rein weiblichen und männlichen Menschen den jeweiligen Gegenstück zu finden. Das Gefühl der Liebe entspringt der Sehnsucht, sich mit seiner innig geliebten anderen Hälfte wieder vereinigen zu wollen.


Während draußen die Schneeflocken vor den hohen, beschlagenen Glasfenstern der Bibliothek auf den Fluss rieselten, schlug ich den dicken Wälzer wieder zu und überlegte, ob ich meinen Kugelmensch schon gefunden hätte. Mein Ex-Verlobter war ausgerechnet ein Dozent der Philosophie an dieser Universität. Es war so schön, sich vorzustellen, dass ich meine andere Hälfte schon gefunden hatte. So wie die Vorstellung der Ewigkeit von einer Beziehung immer schön ist. Die andere Hälfte gibt Halt, gibt Sinn, nordet den reißenden Strom des Lebens wieder ein.


Der Mythos des Mythos


Knapp zehn Jahre später schaue ich auf mein Twenty-Something-Ich zurück und bin vollkommen desillusioniert. Als Mitt-Dreißigerin habe ich das erfahren, was alle erfahren haben, die auf die zweite Lebenshälfte zu streben: Man geht zusammen ein paar Jahre durch den Alltag mit seinem Partner, bevor man sich wieder trennt. Die Liebe kommt, die Liebe geht. Nichts, aber wirklich nichts, bleibt ewig. Der Glaube, dass man einfach nur nach "dem Richtigen" suchen müsste, hat sich als falsch erwiesen - in dem Moment, in dem man sich "eins" fühlt mit dem anderen, als Kugel, war das Scheitern bereits nah. Beziehungen zerbrechen so schnell, wie eine rote Weihnachtskugel, die vom Tannenzweig fällt und in tausend Scherben auf dem Boden zerplatzt. Der Mythos aller Mythen: Die Liebe.


Die Vereinsamung des Kugelmenschen


Mittlerweile habe ich erkannt, dass Platons Fabel des Kugelmenschen der Garant für Unglücklichkeit ist: Diese Sehnsucht, seine andere Hälfte finden zu wollen. Denn der Fokus darauf "die eine" treffen zu wollen, macht uns häufig blind für die Verbundenheit, die wir auch mit Menschen erleben können, die nicht unserem romantischen Beuteschema entsprechen.  


Viele Menschen gehen kugelmenschgesteuert durch Berufsalltag. Jede Konversation von Nachbar:innen bis zu Verkäufer:innen an der Supermarktkasse wird nach der Verwertungslogik von "Attraktiv" oder "Nicht-Attraktiv" unterteilt, als Vorbedingung dafür die bessere Hälfte zu finden und mit ihr ganz zu werden. Verschiedene Experimente haben gezeigt, dass wir attraktive Menschen als sozial verträglicher wahrnehmen, als dominanter, mental gesünder und sozial intelligenter als jene, die nicht so hübsch sind, wie eine Studie der Yale University zeigt. Je mehr Passant:innen im Alltag also in unser Beuteschema fallen, umso eher wird ein Gespräch zustande kommen. Ein herzliches Lachen mit der 75-Jahre alten Bäckereifachangestellten? Sie ist zu alt. Über Pfützen springen auf dem Nachhauseweg mit zwei 3-Jährigen? Keine evolutionäre Paarungsoption, nichts zu gewinnen. Ein Austausch über Hobbies mit dem schnauzbärtigen marokkanischen Busfahrer der mich von Osnabrück zum Elbstrand fährt? Ich bleibe lieber still, am Ende will der noch was von mir.


Die Folge?


Wir vereinsamen.


Der Tunnelblick in den Alltagsbahnen manifestiert sich. Der neue Trend heißt Vereinsamung und er ist nicht nur endemisch unter Akademiker:innen. Die Zahl der Singlehaushalte ist auf über 40% angestiegen, und manifestiert die vorherrschende Warteposition, alleine wohnen zu bleiben, bis der "Richtige" kommt.


Die Menschheit als Kugel


Und wie kann ein gutes Leben ohne Partnersuche gelingen? Wir können uns darauf fokussieren, eine Gemeinschaft von menschlichen Hälften im Alltag zu entdecken: Die Menschheit. Lauter bunte Kugeln! Und zwar jeden Tag, nach dem Aufstehen. In öffentlichen Verkehrsmitteln, einfach mal seinen Sitznachbarn anlächeln. Blumen kaufen für die Kindergärtnerin. Das Wollen und Streben jedes Einzelnen sollte darauf ausgerichtet sein, sich ein soziales Netz von Menschlichkeit zu bauen. Mit Freund:innen. Mit Alltagsbekanntschaften durch die Stadt rollen. Mit Kolleg:innen. Wir können eins werden und zwar mit der Welt. Mit anderen singen. Uns tagtäglich ein Nest von sozialen Beziehungen aufbauen, das uns wieder die ursprüngliche Verbundenheit aller Menschen erinnert. Den Tunnelblick wieder weit werden lassen, wenn wir durch den Alltag laufen. Dem Praktikanten einen Kuchen backen. Einfach mal so mit den Kindern auf dem Spielplatz spielen. Schaukeln. Einen Autofahrer anlächeln, der an der Ampel neben dir steht. Vielleicht können wir uns alle retten und sogar gemeinsam den Klimawandel überwinden, wenn wir die Menschheit als Kugel begreifen, deren Hälften es wieder zu vereinen gilt.


In dem Sinne bin ich auch immer noch mit diesem Philosophiedozenten zusammen, obwohl wir uns schon vor langer Zeit getrennt haben.


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